Mai

Zwei kleine Mädchen
Mit Eimer im Bach stehend
Fangen Kaulquappen

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Mit Zeitung

Nach einer wahren Begebenheit

Beim Unfall im Roggentunnel, anno 19, mussten drei Familienväter viel zu früh von uns gehen: Lokomotivführer Haas, Heizer Schilling und Bahnwärter Zeier. Sie verstarben an einer Kohlenmonoxydvergiftung, weil ihre Lokomotive mit den drei Güterwagen im Tunnel stehen blieb.
Nachdem Amtsarzt Bindschädler die Sektion der drei abgeschlossen hatte, wurde er vom Sektionswärter Krüttli gefragt, wie die Leichname auszustopfen seien.
«Mit Zeitung» war Bindschädlers Antwort, «aber nehmen sie zur Hälfte das Volksblatt zur andern die Botschaft, so dass die Katholischen und die Liberalen beidseits befriedigt sind».

König

Den ganzen Nachmittag war ich unverbindlich durch die Stadt gegangen. In meiner Art hätte man mich für Robert Walser halten mögen. Aber was komme ich schon mit derart berühmten Namen. Ich war einfach ein junger Mann. Ich setze mich auf eine Bank, um das Treiben zu betrachten. Man schaut billig einem dicken Herrn nach. Der Dackel einer Dame hebt am Brunnen das Bein. Innerlich erteilt man allem den Segen. Flüchtig streift der Blick die Beine einer jungen Frau. Die feinen Strümpfe. Was soll denn das. Ein Mann kam auf die Bank zu. Ausgerechnet diese Bank. Man würde sitzen bleiben. Schliesslich war man zuerst da. Seine Hosenbeine waren verschieden. Die Jacke passte nicht. Sein Hut sass schief auf dem Kopf. Leise fragte er, ob es gestattet sei. Er deutete eine Verbeugung an. Man nickte, gerade freundlich genug, dass es noch als Einladung gelten konnte. Man wollte zu keinem Gespräch Anlass bieten. Danach sah er aus. (Wie der Herr im Zug, der sich als König vorgestellt hatte und seine ganze Lebensgeschichte ausbreitete). Es kam nichts. Er schaute geradeaus. Ich betrachtete ihn von der Seite. Er zitterte. Ich würde ihm gerne eine Zigarette geben. Ich gäbe noch eine für hinters Ohr. Er würde mir seine schadhaften Zähne zeigen. Ich würde Feuer geben. Weil ein Windstoss käme, ginge es eine Weile, bis Rauch aus seiner Nase strömte. Würde, hätte, könnte. Ich hatte keine Zigaretten. Der Mann sagte nichts. Ich konnte mich nicht mehr meinen eigenen Gedanken hingeben. Der Mann hatte meine Bank besetzt. Er schneuzte sich. Mit brüchiger Stimme raunte er mir zu: «wissen sie, ich bin ein wenig schizophren». Das «wissen sie, ich bin ein wenig schizophren» klingt in unserer Sprache, wie fremder Mönchsgesang. Ich wusste darauf nichts zu sagen. Er schien damit zufrieden. Er wiederholte er den Satz. Mir kam die örtliche Anstalt in den Sinn, mit der hohen Mauer. Offenbar gehörte er zu den weniger Schlimmen. Dann stand er auf und ging fort.

Herz und Hirn

Dichterherz schlägt
Dichterhirn denkt
Dichtermagen verdaut
Dichterlunge atmet
Dichtergalle kocht
Dichterleber wirkt
Dichterschädel ruht

Komm

Du hast alles richtig gemacht
Keine Einträge
Bist nie zu weit gegangen
Als du sie gefragt hast
Nach der Tanzstunde
Keine Auffälligkeiten
Und doch reicht es nicht
Es ist ein allmähliches Rutschen
Von einer glatten Platte
Die sich stetig mehr neigt
Sang und klangloses Scheitern
Sich verlustig werden
Verschwinden
Abfahren

Elvis

Ein Gedicht als Nachruf
Nicht schlecht
Stell dir vor
Sie schafften es vom 0:3
In die Overtime
Aber das interessiert dich
Nun wohl nicht mehr
So wie dir jetzt alles
Am Arsch vorbei gehen kann
Schätze
Du triffst Harrisson und alle
Du als Elvis kannst es mit den Menschen
Hier unten sieht man geflickte Zäune
Den Schuppen mit dem löchrigen
Blechdach und den Reklamen
Wo wir heimlich rauchten
Du schuldest mir noch etwas
Wir hatten noch Anstand
Wenn uns Rogenmoser eine knallte
Sagten wir höflich danke
Heute haben alle ein Profil
Lackaffen
Ohne Vision kommst du nicht vorwärts
Um nochmal Rogenmoser zu bringen
Wer Visionen hat sollte zum Facharzt

Der Mann

Von einem Mann war die Rede
Ein Mann
Der seinerzeit in der Fabrik
Gewischt habe
Er habe nur gewischt
Niemand habe die Maschinen
Besser geputzt
Man kann sich das nicht mehr vorstellen
Er hat nie etwas anderes gemacht
Zu Wischen gab es da unten
Weissgott genug
Daheim hat er ums Haus
Blumenbeete angelegt
Zäune gemacht
Aus allem Möglichen
Was zu finden war
Zwei Schuppen gebaut
Einen Unterstand
In dem er manchmal rauchte
Den Passanten zunickte
Einen Baum gepflanzt noch
Drei Söhne eine Tochter

Gratis

Wir haben unsere Lose verschenkt
Der Wind rupft an Ballonen
Fahnen
Ein kleiner Junge geht zum Stand
Nimmt eine Trompete
Ein rotes Sportauto
Sein Vater zieht ihn fort
Man bleibt stehen
Soldaten aus Plastic
Dinosaurier gar
Ist Fidel Castro eigentlich schon gestorben
Der Wind hat zugenommen
Wir geben es zu
Wenn es etwas gratis gibt
Kommen sie her
Wahren ein ehrendes Andenken

Landkarte

Die drei Bezirke, wo wir herkommen, waren eigentlich vier. Einer ist vergessen gegangen, als man seinerzeit, nach der grossen Teilung, die Karten übertragen hat. Unsere Bezirke liegen in den Atlanten meist im Falz auf der Seitenmitte. So sieht man die Hälfte nicht. Niemand hat es bemerkt. Weil die Bezirke, von denen nicht einmal alle einen Namen haben, ganz im Falz liegen, kann das vorkommen. Überhaut kommt vieles vor, was man als undenkbar bezeichnen muss. Unsere Bezirke führen ein Randdasein. Wer dort ansässig ist, geht seinen Geschäften nach und fristet ein Leben, wie es der menschlichen Natur eigen ist. Es ist nicht so, dass in unsern Bezirken Milch und Honig fliessen würden. Es ist nun auch wieder nicht so, dass man hier nichts zu erwarten hätte. Ein jeder hat noch einen letzten Trunk und ein kühles Grab gefunden. Freilich gab es viele, die der hiesigen Erde, die Fremde vorgezogen haben. Reisende soll man nicht aufhalten. Es gibt wiederum auch Fremde, die hierhin gezogen sind, aus verschiedenen Gründen, und hier ihr Auskommen gefunden haben. Es hält sich letztlich alles irgendwie in der Waage und was man gibt kommt zurück. Es ist ein ganz ausgezeichnetes Leben in einem Bezirk, der auf den Karten nicht vollständig abgebildet wird. Man hat seine Ruhe. Im Geografieunterricht werden wir übergangen. Kein Lehrer nimmt sich die Mühe, die Seite ganz glattzustreichen. So überblättert man die Örtlichkeiten, ohne etwas Böses zu denken. Es ist überhaupt so, dass man vieles tut, ohne böse Absicht. Uns bleibt einstweilen die Gewissheit, dass wir existieren, obwohl uns keine Karte gänzlich abbildet. Da spielt auch der vergessene Bezirk keine Rolle. Man hat ihn in der Hitze des Gefechts auf dieser Konferenz anno dazumal übersehen. Ein Flüchtigkeitsfehler. Mehr nicht.

(Illustration: „Grenzverlauf“; Collage und Tuschezeichnung auf Papier; 10×15)

Vom Gedichtemachen

Behutsames Eintauchen
Der Feder ins Tintenfass
Ruhiges Einspannen des Blattes
Ins Rollenwerk der Olivetti
Bzw. Starten des Programms
Dann gilts
Ordnung zu schaffen
Eine Güterabwägung zu treffen
Was zu sagen ist
Auf den Punkt bringen
Zuvor streift einem idealerweise
Der weiche Mantel der Muse
Wenn er zu Boden gleitet
Das ist von Vorteil
Zeugenschaft des Augenblicks
Die letzten 2:13
Zwei Tore Unterschied
Die Beine bequem auf dem Hocker
Morituri te salutant

Grandhotel

Im Grandhotel wo einst
Wir über morsche Planken tappten
In Casserolen Pelz gewahrten
Feuchte Briefe klaftertief versackten
Wo Putz rieselte am Mittelrisalit
Leoncavallo als Gast weilte
Seine Arien in Stein gemeisselt
Auf der Wachswalze knistert
Kleinlaut wir an der runden Bar hockten
Vor einem zerbeulten Kanister auf dem gelb
Ein Totenkopf uns angrinste

(Fotografie, s/w 10×15; „Eden“)

Ideallinie

Jetzt ist es an der Zeit
Die Raubvögel freizulassen
Die aufgespiessten Käfer
Originale und Kopien zu bündeln
Erstausgaben Blechspielzeuge
Einem Knaben zu geben
Die Vögel in der Vitrine
Blicken mit glasigen Augen
Haben es noch nicht gemerkt
Wir belassen den Staub
Auf ihrem Gefieder
Die Atlanten sind längst
Darunter verschwunden
Filmrollen verblichen
Und Dokumente
Wir leisten Vorschub
Die römischen Scherben
Kommen in den Weiher
Jetzt ist die Zeit reif

Schneematsch

Schneetreiben schraffiert
Unsere Weltsicht
Ideale werden weiss
Weisse Weste
Weisse Fahne
Harren auf dem Hochsitz
Kuhnagel an den Fingern
Ja es schneit
Früher brauchte man
Eine Baubewilligung
Für Baumhütten
Es schneite die ganze Nacht
Beschwipste Oberschüler
Gehen unsicher auf dem Seil
Jähzornige toben in Garderoben
Zappelphilippe müssen ums Verrecken
Ein Flugzeugmodell bauen
Verschlossen den Cementit nicht
Schraffuren auf Papier
Scheit um Scheit
Entsteht die Holzbeige
Man freut sich aufs Feuer
Stiefeln sie schwerbewaffnet
Durch unsre Träume
Als wir unterwegs waren
Waren Strassen stellenweise
Schneebedeckt
Schneematsch ist Tatsache

Wiederherbst

Gerade rechtzeitig
Wo sie doch jetzt
Ganze Wagenladungen Laub
Herauskarren aus den Alleen
Melden sich die Inspektoren wieder
Sie legen ihre Papiere auf den Tisch
Mit knochigen Fingern streichen sie glatt
Was zerknittert und zerrissen ist
Das Recht ist auf ihrer Seite
Sie pochen auf Einhaltung der Frist
Wir versprechen schliesslich alles
Nur
Um uns wieder zu verkriechen
In unser Fort aus Daunen
Dergestalt
Dass man nie recht weiss wo und wie liegen
Liegt schliesslich wie man sich bettet
Keine Madonna die Kanonenkugeln aufhält
Wälzen uns herum
Laubberge vor Augen
Nebelschlieren im Land ohne Zukunft
Günstig zu haben
Gerade jetzt

Geisterbahn

Wo der mechanische Schrecken
Hinter der scheppernden Metalltür beginnt
Pneumatisches Heulen
Unterdrücktes Wimmern
Sich überschlagendes Schreien
Zähnefletschen
Skelettgeklapper
Krustentiere aus PVC
Gummitentakel vor dem Gesicht
Es uns eiskalt den Rücken hinunterläuft
Das Rattern der Wagen
Kipploren des Grauens
Doch weiss man ganz sicher
Es geht vorbei
Der Rundkurs hat ein Ende
Man kann die Augen schliessen
Sich fest in den Sitz drücken
Wir hingegen
Werden in unserm Wägelchen
An den äussersten Rand gefahren
Dem Ende von allem
Krampfhaft am Metallgriff festklammern
Hinein geht es
In ein fürchterliches Tunnelsystem
Man hört den Rhythmus der Schienenstösse
Dumpfes Stöhnen
Ein fernes riesenhaftes Herz schlagen
Keine Frau mit grossen Brüsten
Im Kassenhäuschen
Hier wird es von den Lebendigen genommen
Hier verhökert man sein letztes Hemd

Glänzen Erpel in der Sonne

Flattern Krähen schattenhalb
Flatterndes Geflügel
Verzettelt Zettel in Zettelkästen
Flatterhaftes Wesen
Reinste Zettelwirtschaft
Plustern das Gefieder
Schlagen die Flügel
Schnattern Enten im Gänsemarsch
Zum Teich hinab
Glänzen Erpel in der Sonne
Fällt Brot von oben
Laufen Wasserläufer übers Wasser
Wie weiland der Heiland

Abend am Stausee

Ein heisser Tag wieder
Trockene Wiesen
Die Alpen im Dunst
Das ist es ja gerade
Den Güterzug hört man
Schon im Tägerfeld
Wie er abbremst
Steht am Signal
Auf dem See wankt
Ein Ponton
Unruhig ein Weidling
Jetzt rollt der Zug
Fette Fliegen kriechen
Aus dem Abfallbehälter
Der Zug hat Fahrt gewonnen
Auf dem Estrich prüfte ich
Die Kufen der Schlittschuhe
Am Boden das blaue Silberpapier
4 auf 7.5 cm
Eine Katze zeigt sich

Aufstieg

Ich kenne einen Mann
Der raucht an der Bushaltestelle
Die Zigaretten fertig
Von denen die in Eile sind
Am Strassenrand das weisse Möbel
Aufgequollen die Spanplatte
Die Schublade hängt heraus
Man nimmt davon nicht Notiz
Wie vom Mann an der Haltestelle
Er raucht und erzählt uns
Vom ersten Aufstieg ins A

Unser Haus

Dass unser Haus
Das Haus und der Park
Wo wir Kinder waren
Nunmehr Museum ist
In unserm Zimmer wird Blechspielzeug gezeigt
Dort wo Marie die Kammer hatte
Kann man in die Sterne gucken
Die Küche ist jetzt Bibliothek
Hektors Garage ist weg samt Bentley
Dort steht jetzt als Cafeteria
Ein gläserner Pavillon
Wie Schneewittchens Sarg
Wo Kinder quengeln
Eltern stumm herumschauen
Wo schlechtes Gewissen
In Kägifret und Sinalco umgetauscht wird

Gerhard Meier

Die Prognose verhiess nichts Gutes
Regen ab Olten
Die Lust auf den Scheltenpass
War uns vergangen
So lag Niederbipp am Weg
Der Berg wies eine Nebelmütze auf
Die stille Kirche
Das Grab rot bewachsen
Steinchen auf dem Grabstein
Man blickt wieder zur Fluh hinüber
Ein Güterzug mit weissen Containern
Rollt vorbei
Die Autobahn ist hörbar
Prächtige Buche unter der sie ruhen
Indem wir den Friedhof hinter uns lassen
Hört es auf zu regnen
Es bleibt bedeckt

Arizona

Zeit für ein Gedicht
Doch wie man es beginnen soll
Wie enden
Die Hitze ist gross
Staubwolken auf dem Feldweg
Wenn sich ein Fahrzeug nähert
Arizona
Denke ich
Blicke aus dem Fenster
Die Baustelle unter der Sonne
Man ist froh
Dass Brunnen fliessen
Wie es weitergehen soll
Wer kann es schon sagen
Die Saison beginnt mit dem Derby
Immerhin darauf können wir uns freuen

Versailles

Schloss Thunstetten
Versailles im Oberaargau
Hieronymus von Erlach erbaute es
Von dort schrieben wir
Die erste Ansichtskarte nach Hause
Es geht mir gut
Ungelenke Majuskeln
Postleitzahl und Gruss
Durften im Salon nichts anfassen
Schauten durch nasse Scheiben
Zum blauen Berg hinüber
Ausflüge in gelben Pellerinen
Wo Pfahlbauer einst hausten
Scherben im Schlamm lagen
Gletscher machten die Landschaft
Standen Urtiere im hohen Gras
Lasen mit der Taschenlampe
Comix im klammen Schlafsack
Kauten Fruchtgummi
Verklemmten es bis zum Morgengrauen
In die Dunkelheit traute sich keiner

Modelleisenbahn

Die verstaubte Modelleisenbahn
Als Parabel fürs Leben
Dort wo die Station war
Ragen noch Drähte aus der Faserplatte
Im Grunde genommen hätte man
Von Anfang an
Dem Unterhalt der Anlage
Mehr Aufmerksamkeit schenken müssen
Nun ist es nicht mehr möglich
Unter den Tisch zu kriechen
Die Fehlstelle zu finden gleicht
Buchstäblich
Der Suche der Nadel im Heu
Jetzt ist der Zug abgefahren
Die Abstellgleise wurden demontiert
Sinnlos die Schotterimitation
Abgeknickte Tannen im Schutzwald
Massstab 1:67

Sonnenblumenfelder

Hoch steht die Frucht
In der Ferne ein Kirchturm
Sonnenblumenfelder
Erinnern an Gemälde
Herbst schon bald
Unbändig die Lust
Aufs Eis zu gehen
Ein paar Runden laufen
Eishockey bald wieder
Bleibend das Bild
Auf der Schulreise
Wir Stumpen rauchend
Im Gang draussen
Während Olten kommt
Sonne taucht den Zug
In goldenes Abendlicht

Leben

Leben als riesenhaftes Gemälde verstehen
Jede Erfahrung jeder Eindruck
Eine neue Schicht
Schattierungen
Leben als monumentale Collage betrachten
Kein Fetzchen ist zu klein
Als dass es nicht zur Komposition passen würde
Aufgeklebt mit feiner Hand

Sägerei

Dort unten am Weg
Die kleine Sägerei
Längst hört man kein Schnaufen mehr
Nicht Schaben
Kein Rattern erfüllt das Tal
Fest sind Steine gefügt und das Gebälk
Solange Ziegel alles noch decken
Durch die Luke sehen wir
Den morschen Wasserkanal
Der Bach springt nun durch die Wiese
Das Wasserrad lässt sich drehen
Oberschlächtig ächzt
Riesenhafte Zahnräder greifen knarrend ineinander
Ringsum steht hoch das Gras

Memento mori

Verwittert grinst der Schädel
Vom Pfahl herab
Eingekerbt die Jahrzahl
Lacht uns an mit hohlen Augen
Sandsteinkörnig blickt der Totenkopf
Dem Rollen und Fahren zu
Dem Treiben und Wandel
Hat der Meister mit Stockhammer und Scharriereisen
Den Stein behauen
Die Stele gesetzt im Schweisse seines Angesichts
Legte längst ab Hammer und Schlageisen
Tauschte den Lederschurz mit Tannigem
Verwittert schaut der Totenkopf
Ins Land hinein
Man nickt ihm zu
Hinter der nächsten Kurve
Wird klar
Er ist immer da

Fronleichnam

Während in Baden alles zu
Ruhig die Gassen
Rattert in Auenstein ein Betonmischer
Nageln sie oben Dachlatten an
Vernagelt auch der Kiosk
Auf dem Böhler
Fahren ein ins aargauische Emmental
Land der Literatur
Alles vorgefunden
Hermann
Binz hat ein neues Postauto
Die Endstation wurde verlegt
Jetzt
Schilten Wendeplatz
Das Postauto stört den Unterricht nur noch am Rande
Meine Postkarten muss ich in Schlossthal einwerfen
Der Briefkasten wurde abmontiert
Sage und schreibe
Das Schulhaus selbst ist nun eine Sonderschule
Sie nicken
Friedli saust dreirädrig mit Anhänger talauswärts
Seine langen Haare flatterten im Wind
Der Engelhof lag ruhig
Ein kleiner Brunnen plätschert
Angetroffen habe ich niemanden
Abseits lagen verstreut die Höfe wie eh
Immerhin hat uns der Anblick des Transformatorentürmchens
Für den schweisstreibenden Aufstieg entschädigt
Auf der Tafel über die Gemeinde bei der Endstation
Ist von alten Zeiten und der Hammerschmitte die Rede
Früher noch mehrheitlich Landwirtschaft betrieben
Heute lebt man gut und gesund
In Natur und zahlreichen Vereinen
Können Hobbys gepflegt werden
Auch dies im Grunde genommen Literatur
Oben im Wald
Schon fast im Bernischen hinten
Ein verwittertes Steinkreuz mit Totenkopf
Dass mich nit grüssen mag
Ich nit beklag
Doch sei gedenk bei jedem Schritt
Ich komm mit

Figürliches

Ich schrieb zunächst
Dass du mich inspiriert hast
Es ist nicht wahr
Vielmehr war es
Das Plätschern des Brünnleins
An Zeit gemahnend
Das Flüstern in den Trauerweiden
An Räume erinnernd
Es war das Surren der Insekten
Leben
Die Bahnen der Mauersegler
Hoch oben am Himmel
Gewaltige Wolkentürme
Urtiere nachzubilden beliebten
Figürliches

Lokalbericht

Erdbeerfelder der Region geöffnet!
Frischer Spargel
Fischessen am 3+4 in K.
Sauberkeit, die sich lohnt
Offiz. amtliches Publikationsorgan
Kreis II
Brücke soll saniert werden
Verkehrsverordnungen
Kinderlachen erfüllte die Aula
Inserieren sie jetzt
Ristorante Capri ehem. Helvetia
Mediterrane Küche
Haus+Whg. räumt prompt
Zuverlässig, fachgerecht und günstig
Konkurskurve wird abgebrochen
Besuchen sie unsere Bibliothek
Postulat Mettler abgeschrieben

Wenn’s hochkommt

Wenn’s hochkommt
Schaffe ich ein Gedicht am Tag
Oder einen passablen Text
Aber es kommt selten hoch
Meist ist viel zu tun
Alle wollen etwas
Man kommt nicht dazu
Wenn’s hochkommt
Schaffe ich eine Zeichnung am Tag
Aber das ist selten der Fall

Schädel und Waffen

Ich fand’s z.B nicht gut
Dass sie im Museum
Die Schädel nicht mehr zeigen
Schädel die uns immerhin
Zuversichtlich angrinsten
Erinnerten uns freundlich
Ans Endliche
Ich fand’s z.B nicht gut
Dass sie Waffen und Schädel
Gelochte und gespaltene
Aus den Vitrinen entfernten
Geschichte anders vermitteln wollen
Was bitte soll daran schlecht sein
Dass man drei Löchlein
Auf der Stirn sieht
Grinsend auch sie
Erinnerten uns daran
Wie es zu und her geht
Draussen

Und plötzlich ist sie da

Und plötzlich ist die kleine Traurigkeit
Einfach da
Unvermittelt
Wie ein Zug aus dem Tunnel rollt
Einfach so
Wie ohne zu fragen
Der Gast an meinem Tisch Platz nimmt
Mich anschaut und bemerkt
Dass ich schlecht aussehe
Die neue Traurigkeit
Legt sich ohne weiteres
Wie ein schwacher Schatten über uns
Noch lachten wir
Gingen voller Zuversicht
Nun hat uns der Saum des
Schwarzen Mantels gestreift
Der leichte Radmantel der Muse
Ganz fein klang ein Glöcklein
Ein Zipfel vom Totenhemd
Des Manschettlers
Fuhr uns übers Gesicht
Kühl wie Nebel
Wind kam von der Fluh
Nun ist die Traurigkeit da
Steht am Perron mit Gepäck
Ein Porteur lädt dienstfertig
Beschlagene Koffer
Auf denen Zettel kleben
Auf den Wagen
Sieht aus
Als wolle sie länger bleiben
Die kleine Traurigkeit kam verspielt
Wie ein kleiner Hund
Leckte uns die Hand
Auf der Ruine flattert nun
Ein anderes Banner
Die kleine Traurigkeit wieder ist da

Signale

Mitten durchs stille Quartier
Die Bahnlinie
Stillgelegt
Schlängelt sich im Schotterbett
Voller Unrat
Glänzen Schienen
In der Sonne
Eidechsen
Bleiben Kinder am Zaun stehen
Mit Wind in den Haaren
Stehen Signale auf rot
Eingeschachtet durch Felsschichten
Ein Tunnel war zu teuer
Legten sie Gleise
Auf Spuren von Dinosauriern
Über Gräberfelder
Schnitten hallstattzeitliche Hügel an
Alte Schienenstrasse
Beträchtlich einst ihr Wert
06:07 stiegen wir zu
Fahrt ins Glück
Noch ab und zu ein Güterzug
Eine rote Re 4/4
Zieht einen einzigen Wagen
Blinkt harmlos ein Schlusslicht
Verschwindet in der Kurve

Radikal

Radikal fühlen
Radikal denken
Radikal handeln
Radikal schreiben
Radikal zeichnen
Radikal leben
Radikal lieben
Radikal sterben

Antigone

Ich habe wieder ein Krokodil gekauft
Es schaut mich nun vom Bücherstapel an
Eigenartig wie einem alte Songs
Nahegehen
Als sei alles noch so
Wie es immer war
Dass morgens Vögel pfeifen
Auch wenn Schnee liegt
Menschen eilig
Durch Unterführungen gehen
Stehenbleiben
Warten müssen
Vorwärtsgehen
Dass jemand lächelt
Dass Flocken tanzen vor blauem Himmel
Dass Fotografen ausrücken
Und einer mit der Hand Schiessbewegungen
In die Richtung des Cafes ausführt
Man geht vorbei
Schliesslich
Antigone wird Kreon ins Gesicht lachen
Leider habe ich nie gesagt
Dass ich für sie alles machen würde

Der Salamander

Ich warf den Wurstzipfel ins grüne Wasser
Da brodelte es
Kam ein Salamander aus der Tiefe
Über einen Meter lang
Blickte mich die Kreatur an
Gierig und fett
Praller Bauch glänzte
Gelb und schwarz die Unterseite
Mir messerscharfe Zähne zeigte
Um wieder abzutauchen
Zu verschwinden
Wie er gekommen war

Wie Eisvögel am Kanal

Du bist mir lieb
Wie das Schaben des Bleistiftes
Wie ein Tautropfen auf dem Blatt
Wie das Aufflammen des Streichholzes
Wie ein Rauchkringel
Wie das Toben wenn das Tor fällt
Wie zwei Eichelhäher die fortfliegen
Wie Eisvögel am Kanal
Wie Wind am Abend
Wie das Rauschen des Wassers

So ist Glück

Ein Gemälde
Starke Farben
Mit der Farbtube
Direkt auf die Leinwand
Aufgetragen
Leben dergestalt dargestellt
Voll abgebildet
Alle sind sie da
Es ist laut
Es ist sehr gut
Dann ist es unübersichtlich
Und fällt das Tor
Man sah dass er drin war
Aber er gibt es nicht
Im Video ist nichts zu sehen
Chronisten zeichnen Leben nach
Führen still ihre Protokolle
Dienen und schweigen
Ein schweres Gemälde
Wuchtig der Goldrahmen
Füllt den Raum
Die Halle tobt
So ist Glück