Hey Arthur

In meinem Studierzimmer
Hängt an der Decke
Ein altes Krokodil
Ich habe es aus Sumatra
Oder Kuba
Über mir schwebt das
Trockene Reptil
Mit seinen Zähnen
Und dem Silberblick
Manchmal frage ich es Sachen
Das Tier hängt da oben
Und ich sage
Hey Arthur
Schätze es wäre jetzt
Die perfekte Zeit für einen Drink
Nichts sagen heisst ja
Höre ich mich sagen
Mit dem Glas in der Hand
Kartenmaterial betrachtend
Nachts erwachte ich
Weil sie sagten
Mein Zuspiel sei unpräzise
Und die Schüsse zu hoch

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Seriefeuer

Schneematsch auf
Quartierstrassen
Nachts tobte ein Sturm

Im Wald

Einzelfeuer
tak (.) tak (.) tak (.)
Seriefeuer
tak-ta-tak
tak-tak-tak-tak-tak-tak-tak
trraktrraktrraktrraktrraktrraktrrak

Die Sonde mit den schwarzen Rädchen
Die sie in die Kanalisation lassen
Wie ein erlegtes Tier
Hängt sie an einer Seilwinde
Über dem Schacht
Bewegt sich im Wind

Daneben steht einer im weissen
Schutzanzug und raucht

Während ich diese Zeilen schreibe
Läuft Amy Winehouse
Ihre Stimme berührt mich mehr
Als es mir lieb ist

Die Sonde mit den schwarzen Rädchen
Am Seil hängend
Erinnert an das Krokodil
Das im abgedunkelten Studierzimmer
An der Decke hängt

Karenina

Kein happy-end
Für Anna Karenina
Und auch nicht für
Richi Bucher// 55
Vergesst es einfach
Trafen Arlette am Bahnhof
Zerlaufene Wimperntusche
Der Ausgleich in der Schlussminute
So ist Glück
Dreht sich alles
Umarmt mich der geistig Behinderte
Läuft Speichel auf meinen Fan-Schal
Vergisst man alles sonst
Alles
Overtime
Werden uns Figuren zulegen
Franz von Assisi
Zum Beispiel
Michail Bakunin
Das wilde Mannli
Zum Beispiel
Prägen uns das Bild ein
Weisse Vögel
Lassen sich treiben
Auf dem Fluss
Und Holz
Dort wo Massena war
Ferner Skizzen
Hinter verregneten Scheiben verfertigt
Hügelzug angedeutet
Wenige Striche
Ein Lächeln
Das Murmeln
Worte

Winterland

Winterland erstreckt sich
In den Raum
Weisse Geografie
Kälte weitet sich aus
Weiss grundiert Das Dorf
Gepunktet und schraffiert
Eiskünstler verfertigen
Filigrane Werke
Jetzt gilt es
An der Wärme bleiben
Am Ofen in Atlanten blättern
Doch gehen wir gerne aus
Mit hochgeschlagenem Kragen
Dem Wind trotzend
Winterland
Sophie hat das Regiment
Im Zobelmantel
Lacht ihr Gletscherlachen
Im Radio leichte Klassik
Programme sind ausgesetzt
Der Eismeister wendet sich
Per Botschaft direkt ans Volk

Schnee; Variationen

Schnee von überall her
Aus Himmeln und Büchern
Zeichnet neu das Land
Schraffiert nun fein
Ergibt sich neue Textur
Beschneite Tännchen
Weisse Flächen
Gedankenstriche
Schnee auf Mantel und Hut
Automobile schleichen
Wie müde Tiere
Schnee schluckt Schall
Morgens der Sturz
Mit dem Rennrad
Noch schmerzt der rechte Arm

Einem Kind

Oben am Berg
Verbläst der Wind den Schnee
Der Zug auf der Brücke
Lässt es stieben
Das sehen wir auf dem Rundgang
Noch sind Pfützen ohne Eis
Beim Heimgehen beginnt es
Rauch kommt aus Kaminen
Verbrennen sie Holz
Man freut sich auf die Wärme
Hier draussen deckt der Mantel
Vergraben wir die Hände in tiefen Taschen
Bei der Brücke zünde ich die Zigarre wieder an
Kommt mir Meiers Gedicht in den Sinn
«einem Kind»
Eines der schönsten das mir einfällt

Frist

Der Hügel dessen Kuppe
Nun weiss gezuckert
Das Schneien
Der offene Himmel
Kälte
Die uns spüren lässt
Dass wir sind
Ein Lachen
Vergehende Zeit
Ein gutes Buch
Kantaten
Beim Lesen der Todesanzeigen
Merken
Die Frist wurde erstreckt
Weitergehen

Versuch

Die Versuchsanordnung
War von Anfang an klar
Sie sagen es alle
Man kann es nachlesen
Hast du gedacht
Glück sei eine feste Grösse
Meintest du im Ernst
Dir könnten sie nichts
War dir nicht klar
Dass immer die Bank gewinnt

Schnee

Endlich hat es geschneit
Sagen sie
Der Heimweg der Kinder dauert nun länger
Die Autos stehen
Man kann nichts machen
Schnee deckt das Land zu
Wie die Mutter ihre Kinder zudeckt
Schnee verziert Stromleitungen
Macht Gartenzäune zu Kunst
Schnee schmilzt in der Hand
Zu Weihnachten wünscht man Schnee
Schnee bis in die Niederungen
Schneebretter sind eine grosse Gefahr
Die Überlebenschancen von Verschütteten
Schwinden nach 15 Minuten drastisch
Schnee schneidet Dörfer
Ganze Täler von der Umwelt ab
Schnee isoliert
Schnee schluckt Geräusche
Friedlich dieser Schnee
Jeder Schneekristall ist anders
Wir hatten früher noch richtig viel Schnee
Wochenlang türmte sich der Schnee
Wir bauten Iglus und Schneemänner
Wir modellierten die Schneebälle
Bis sie sehr hart waren
Fensterscheiben konnten ohne weiteres
Eingeschlagen werden
Die Spuren der Moon Boots verrieten uns
Am Skitag gab‘s Gemüsesuppe mit Siedfleisch
Am Tee verbrannte man sich die Zunge
Am Tischfussballkasten stopften wir Handschuhe ins Tor
Um nicht jedesmal bezahlen zu müssen
Am Skilift versuchte jeder
Mit Jeannette den Bügel teilen zu dürfen
Auf den Gips von Thomas zeichneten sie
Strichmännchen und Herzchen
Wir hatten auch schon Schnee an Ostern

Am Zaun

Am Zaun
Beim brachliegenden Grundstück
Vormals Abstellplatz eines Autohändlers
Zwei eiserne Eicheln
Wie oft nahm ich mir vor
Nachts mit der Eisensäge anzurücken

Fremder Ort

Gehe durch einen fremden Ort
Dunkel alles
Doch weihnächtlich beleuchtet
Gehe mit einer Empfindung
Die Robert Walser
Gehabt haben dürfte
Gehe mit den staunenden Augen
Eines kleine Jungen
Sehe warme Fenster
Feste Türen
Leckereien in Schaufenstern
Hübsche Dekorationen
Bleibe stehen
Ein Institut
Man sieht sie hinter Fenstern arbeiten
Doch dürfen sie bald heim

Es sind diese Bilder die man nie vergisst

Es sind diese Bilder
Die man nie vergisst

Der Bergrücken angedeutet
Im Schneeregen
Das Fehlen des Berges
Im Nebel

Eine Gruppe Behinderter
Auf einem Spaziergang

Ein junger Mann der
Eine Frau umarmt
Eine junge Frau
Die ein Stück Eis trägt

Der Morgenrapport in der Klinik
Der Pfleger mit grauem Haarkranz
Liest schwerfällig vom Blatt
Die Nacht war ereignislos

Kunz nichts
Emmenegger nichts Goth
Rieder nichts Fischer
Bergkraut hat
Noz bekommen

Er schaut auf sei Blatt
Draussen hängt der Morgen

Die Kranken stöhnen im Schlaf
Einer fragt immer
Ob man am Abend ein Bier für ihn nehme

Die Pfleger sind zu jung
Haben den Kopf nicht bei der Sache
Lachen mit den Schwestern

Auch sie werden einmal
In Anstalten untergebracht
Auch sie werden Träumen

Froh sein
Wenn man ihnen Kaffee einschenkt
Aus verchromten Kannen

Ich habe schon manchen Spind geräumt

Ich habe schon manchen Spind geräumt
Es waren oft noch die Pinups
Vom Vorgänger drin
Dreckige Kleider und Geld
Staub fehlte nie und zerknitterte Pläne
Ich räumte schon manchen Spind
Manchmal war das Bedauern echt
Und manchmal eben nicht
Ich habe schon manchen Garderobenschrank leer gemacht
Immer finden sich darin noch Sachen
Von denen man nichts mehr wusste
Alte Witze etwa oder die Leichtigkeit des Augenblicks
Ein Quäntchen Glück
Die Gewissheit
Dass es weiter geht
Aber auch Beleidigungen und jede Menge Ärger
Ich habe schon manchen Schrank ausgeräumt
Man kramt seine Sachen zusammen
Packt die paar Habseligkeiten
In einen Plasticsack
Und läuft raus
Einmal war ich gar nicht mehr da
Sie taten meine Sachen in einen Sack
Schrieben mit Filzstift meinen Namen drauf
Wir wünschen dir alles Gute auf deinem weiteren Weg
Sagten sie

Keine Ahnung

Der Mann
Der einem im Bus
Die ganze Geschichte bringt
Wie es damals war
Hier waren keine Häuser
Untermalt mit fahriger Geste
Nichts
Nur Gärten
Sagt er deutlich
Oben wo jetzt die Überbauung
Die Minigolfanlage
Seine Augen glänzen
Er redet sich in Fahrt
Die Welt hat sich geändert
Verrückt eigentlich
Er lacht
Ich nicke immer wieder
Früher hatten wir Wiesen
Hier stand eine Kastanie
Erinnern sie sich
Ich nicke
Obwohl ich keine Ahnung habe

Roter Handschuh

Verlorene Handschuhe
Auf Strassen und Wegen
Am Strassenrand
Stets einzelne
Gemahnen an Hände
Menschen
Verlorene Handschuhe
Heute ist es ein roter
Und man denkt unweigerlich
Wie gross der Berg würde
Wenn alle herbeigeschafft würden
Die irgendwo achtlos liegen

Brennende Häuser

Mein Grossvater war bei der Feuerwehr
Und von jedem Haus
Das je gebrannt hat in der Stadt
Kannte er die Geschichte
Es hat im Laufe der Jahrzehnte
Jedes Haus gebrannt
Einmal zweimal dreimal
Mein Grossvater war mit Leidenschaft dabei
Die Geschichten interessierten ihn
Häuser die brennen
Betreffen Menschen
Grossvater erzählte immer davon
Als es bei Nold brannte
Als es bei Niederberger brannte
Als die Druckerei brannte
Als die Tribüne der Eisbahn brannte
Immer brannte es irgendwo
Als mein Bruder zur Welt kam
Brannte der ganze Wald
Ich stand am Fenster und schaute zu
Aber ich war zu klein um mich daran zu erinnern
Ich erinnere mich
Weil man immer davon sprach
So wie man immer von Gasser sprach
Von Fritz
Überall hat es gebrannt

Zeiten

Staut drunten im Tal
Verkehr
Man sieht die Kolonne
Lauter Spielzeugautos
Und hängt Nebel
Schwer an der Decke
Drückt
Hört man das Rauschen
Pocht ein Herz
Hier oben sind Gedanken frei
Liegt Zeit

Hinter dem Horizont

Dass hinter dem Horizont
Auch Land und Leute sind
Wald und Flur
Mit Tieren
Hinter dem Berg
Der uns die Sicht verstellt
Landschaftliche Tatsachen schafft
Keine direkte Verbindung
Bewiesen wir heute
Indem wir
Dem kalten Wetter zum Trotz
Hinüber fuhren
Die Bergkette von hinten ansahen

Hinter dem Horizont geht’s weiter

Gedachten der kürzlich erschienenen
Todesanzeige eines gewesenen
Direktors einer Vorortbahn
In der es hiess
Der 300 Meter lange Tunnel
Unter seiner Ägide erstellt
Habe der Bahn den Anschluss
In eine neue Epoche ermöglicht
Ein schönes Wachstum beschert
Welches ungebrochen scheine
Und zeige
Wie richtig er gelegen habe
Möge ihm das ewige Licht
Am Ende des Tunnels leuchten

Verlorene Insel

Das blaue Schokoladenpapier
In der Wiese vom nächsten Haus
Seit Tagen schon
Ich sehe es vom Fenster aus
Es wird vom Wind bewegt
Bewegt sich wie ein Fähnlein
Auf einer verlorenen Insel

Gib alles

Gib das Träumen nicht auf
Lass dir deine Träume nicht nehmen
Hege sie
Und lebe dein Leben
Gib alles
So
Als wäre es der letzte Tag

Feld eins

Man würde gerne zurück auf Feld eins
Einmal aussetzen mit Würfeln
Wenn es einfach wäre
Man sollte stets das Richtige tun
Nicht das Falsche
Die Wischmaschine hat draussen
Laub von der Strasse gemacht
Es regnet
Trostlos baumeln die verbleibenden
Blätter gelb am Busch
Der nunmehr einem Skelett gleicht
Tropfnass
Man würde gerne zurück auf Feld eins
Aussetzen eine Runde oder zwei
Neu würfeln
Es müsste zu schaffen sein

Dunkel

Dunkel und alles
Es läuft nicht immer nach Plan
Dunkel
Das kleine Licht bei den Sternen
Ein Satellit
Sterne
Wir wünschen viel
Am Schluss merkt man
Wie jämmerlich alles ist
Das Licht oben im Wald
Sie machten ein Feuer
Sitze still in der Kälte
Blase Rauch in den Himmel

Der Papagei

Die Alten erzählen sich noch
Vom Ausflugsrestaurant
Und vom Papagei der dort war
Häsch scho zahlt
Fragte er jeden
Der ging

Vom Boll
Direkte Sicht nach Brunegg
Tönt Verkehr
Wälder
Tanklager
Ein Mann verweilt am Kreuz
Der Boll
Andachts-
Nicht Picknickplatz
Wie die Kirchgemeinde mittels
Hinweisschild bekanntgab
Rasten unterhalb
Geniessen einen Stumpen
Villiger Export
Wenn sie gestatten wollen
Hermann Arbogast

Schlechte Gedichte (2)

Schlechte Gedichte machen
Ist vielleicht noch besser
Als gar keine Gedichte machen
Doch fliesst es nicht immer
Ist Leben schwer
In Worte zu fassen
Der Schmerz
Der es sich in der Magengrube
Bequem gemacht hat
Lastet
Zu Klagen wäre viel
Es ist das eigene Versagen
Kein Beichtvater
Der es glauben würde
So verbleibt man allein
Geht über Laub
Neben sich her

Wikinger

Beim Friedhof
Zwei alte Männer
Gehen in Trainingsanzügen
Die Treppe rauf
Mit dem Laubbläser macht
Der Werkhofarbeiter
Den Weg frei
Weist mich zur Seite
Ich sage etwas zum Laub
Lobe seine Arbeit
Kommt bald Winter und Schnee
Wäre ich nicht hier
Ein anderer würde es tun
Wikinger
Wir bauten uns ein Floss
Drachenboot

Kapelle

Oben auf dem Hügel
Die Kapelle
Dünn das Geläut
Vom Wind getragen
Ringsum Bäume
Greift Wind ins Geäst
Passionsweg
Drinnen Stille
Flackern Kerzen
Hält Maria das Kind
Dunkle Bänke

(Illustration: „Sulzberg“, Zeichnung, Bleistift auf Papier; 10×15)

Es ist leicht

Es ist leicht
Zu sagen was ist
08:54 betritt man das Büro
09:03 geht man wieder
Dazwischen bringt man es
Auf den Punkt
Danach hinaus in die Welt
Sonne blendet
Unbändige Lust auf
Gugelhopf

Herbstlich

Mit gelbem Turban lädt ein Mann
Paletten auf
Gelb auch das Laub vereinzelt am Baum
Regen lässt Menschen unter Dach warten
Wind fährt in die Bäume
Greift in Haare und macht sich am Kragen zu schaffen
Man könnte heute Abend an den Match

Himmel

Unter dem Himmel voller Sterne
Verblieben
Mit allen Geschichten
Sternschnuppen verglühen
Verglühen wir selbst
Mitsamt allem

Keller

Der Winkel unter der Treppe
Knarrend und ausgetreten
Vor der Welt der Grossen zurückgezogen
Ein Lager aus Decken bereitet
Doch alles hörten
Was sie in der Stube sprachen
Feuchter Winkel

Kellerstollen
Tiefe Räume
Kühle wie in Burgen und Klöstern
Bekieste Böden Lattenverschläge
Stickige Abteile
Spinnweben unheimliche Schemen
Vermachte Türen
Kisten und Kasten voller Vergangenheit
Ungehobene Schätze

Gipsbahn

Herbst Blätter
fallende Farben
feuchter Stein
die Schienen der
aufgelassenen Gipsbahn
dienen jetzt
da und dort als
Zaunpfosten in Gärten

Gleitschirme

Wie Zuckerwatte quillt Rauch
Aus schwarzen Schornsteinen
Gebrannte Mandeln als Moräneriegel
Bilden Landschaften
Versteinerungen am Laufmeter
Überschreiten wir die Höhe
Angezeigt in Metern über Meer
Fossile Zeugen harren
Gleiten Gleitschirme hinaus

Nebel

Ein bekanntes Phänomen
Dieser Nebel
Wie er alles in Watte packt
Die Fahrbahn benetzt
Graue Schraffur
Grobkörnige Flächen

Herbstcolloquium

Mücken noch und
Heuschrecken
Summen Bienen
Am Lavendel
Beet abgeräumt
Wurzelwerk ausgetan
Golden die Sonne
Würziger Stumpen
Kommt recht
Sauser genossen
Schattenhalb

Für die Wachen unsichtbar

Ich las von einem Schriftsteller
Der im Gefängnis sitzt
Davon schreibt
Dass er am Morgen
In einem Hotel in Paris
Dann wieder im Elternhaus
Erwache
Nie in der Haftanstalt
Mit Menschen spricht
Für die Wachen unsichtbar

Noch wärmt Sonne Fels und Stein

Herbstlaub raschelt
Auf Schritt und Tritt
Deckt alles zu
Schweigend gehen wir
Nebeneinander
Man fragt sich im Wald
Wer das ganze Laub
Wegräumen mag
Farbig deckt es
Archäologische Befunde
Vom Hof blieb nichts
Es riecht nach Erde
Holz wird verbrannt
Noch wärmt Sonne
Fels und Stein

Feld 1

Auf dem Friedhof spazieren
Knirscht Kies
Bleibt stehen an Platten
Goldene Inschriften verwittern
Zahn der Zeit
Ganze Jahrgänge abgeräumt
Unser längst dabei
Auf dem Friedhof flaniert
Zwischen Obelisken und Statuetten
Allee und Zypressen
Bleibt uns noch Frist
Doch alle hier
Sind den Schritt voraus

(Illustration: „Feld 1“, Zeichnung mit Filzstift auf Papier, 10×15)

Wozu Gedichte gut sein sollen

Woher Gedichte kommen
Sind immer schon da
Rund um uns
In uns drin
Naturbilder öffnen
Landschaften
Lockt man sie an
Wie eine scheue Katze
Verzog sich
Unter den Ofen
Sind sie dann da
Mit weichem Pelz
Erklingen Lieder
Woher Gedichte kommen
Gute Frage
Wozu Gedichte gut sein sollen
Berechtigt
Herausfliessen
Wie Wasser aus einer Röhre
Man braucht nur den Krug
Darunter zu stellen

Der Mann mit der Zeitung

Beim Eingang zum Foyer sass aber der Mann mit der Zeitung. Der Mann sass den ganzen Tag da, die Zeitung in den Händen. Über den Rand seiner Brille, die nachlässig auf seiner Nase sass, schaute er oft lange ins Weite. Meist war sein Blick aber in die Zeitung gesenkt, bei der es sich stets um den neuen Boten handelte. Mit dem neuen Boten sass der Mann da, und er hätte gefehlt, wenn er nicht dagesessen wäre. Das Blatt hielt er in Händen. Er blätterte es nie durch. Er hatte stets die Rückseite des letzten Bundes, genannt letzte Seite vor sich, worauf zusammenfassend alles verzeichnet war, was in der Welt vor sich gegangen war. Auch fand sich dort manchmal ein Witz oder einer Anekdote. Letzte Seite war ein stehender Begriff. Einmal, als ich neu war, fragte ich den Mann mit der Zeitung, indem ich vorbeiging, was es denn gäbe in der Zeitung. Ich fragte, «mein Herr, was gibt es neues in der Welt»? Der Mann mit der Zeitung blickte von seiner Zeitung auf. Er schaute mich an. In seinem Blick lag Traurigkeit. Er sagte nach langer Weile: «Nichts». Es war das Einzige, das ich je aus dem Munde des Mannes mit der Zeitung vernommen hatte. Ich entfernte mich schweigend. Im Nachhinein ist es mir nicht recht, dass ich überhaupt gefragt habe. Vom Mann mit der Zeitung erzählte man sich, dass er einmal ein anderes Leben gehabt habe. Er habe ein Amt bekleidet. Er habe eine Wohnung gehabt. Es hiess, er habe Familie. Der Mann mit der Zeitung sass da, wenn ich morgens kam und er sass an seinem Platz, wenn ich abends das Haus verliess.

Gefängnis

Es ist ein Gefängnis
Wo ich hause
Wo ich selber Gefangener bin
Insasse
Und gleichzeitig mein eigener Wärter
Der Wärter versieht seinen Dienst
Gewissenhaft und korrekt
Sein Vorteil
Er kennt den Häftling
Der Gefangene ist traurig
Aber es macht ihn froh
Dass er vom Wärter erkannt wird
In dem was er ist

Herbstbild

Man fragt sich
Wer dafür verantwortlich ist
Dass die gelben Blätter
Alle unter dem Baum zu liegen kamen
Blätter an den Bäumen
Weisen verschiedene Farben auf
Wer wohl die Berge erschaffen hat
Fragt der Knabe in der Schule
Der liebe Gott
Antwortet die Schwester
Daheim heisst es
Tektonik
Wieder in der Schule
Wird der Knabe bestraft
Weil er ketzerhaft behauptet
Nicht Gott sei Urheber
Wir schauen weit ins Land
Und es dünkt uns
Alles werde gut
Die Versteinerung die wir fanden
Mitsamt der Hose in der Waschmaschine
Überhaupt der Herbst
Hält uns vor Augen
Dass alles fällt
Vergänglich ist
Und selbst die Berge
Später den Leuten zugehört
Es ist Musik
Und ist es nicht so
Dass im Himmel musiziert wird

 

Asche

Die Briefe werde ich verbrennen
Zuschauen werde ich
Wie die Flammen züngeln und tanzen
So wie wir getanzt haben
Der Wind wird die Asche forttragen
Wie wir uns treiben liessen vom Wind
Benetzt von Tau und Regen
So wie uns Küsse benetzt haben
Die Asche wird weit ins Land fliegen
Wie wir weit ins Land kamen
Wird über Flüsse und Felder gehen
Wie wir über Wasser und Land gingen
Berge und Schnee und Häuser

Scheltenmühle

Wo die Strasse in der Schlucht
Verschwindet
Das alte Gehütt
Mühle von einst
Nachmalige Wirtschaft
Leerstehend seit Jahr und Tag
a vendre
Verwittert die Tafel
Kein halbwegs Gescheiter
Würde hier etwas machen

Jeder macht seine Sache

Zeiten
Wo Bekannte
Sich nicht kennen
Nichts dergleichen tun
Jeder macht seine Sache
Findet keine Begegnung statt
Musik ist immer um uns herum
Musik kommt gewiss aus dem Himmel
Klingen plötzlich die ersten Takte der Fuge
Lassen einem beglückt in den Nebel hinaustreten
Nebel der alles schön einpackt wie in fliessende Watte