Italienische Reise (2)

Auf meinen braunen Kittel
In Mailand ist er an
Doch schon in Florenz
Ist es zu warm
Also aus und hinten drauf
In Pisa liegt er auf dem Gepäck
Auf dem Foto gut zu erkennen
In der Bar Stella
Nach Pisa kommt er ins Gepäcknetz
Und bleibt
Reist es sich kurzärmlig sowieso besser

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Auf halbem Weg

Der Friedhof als Fortezza
Auf der Höhe zwischen den Dörfern
Auf halbem Weg
Halten die Toten die Stellung
Hier können sie hundert Jahre
Und länger bleiben
Platz hat es ja genug
Und die Brise vom Meer her

Lange Zeit

Stille Stunden in der Laube
Durchblättern des Bandes
Nicht recht wissen was man sucht
Rauchringe machen
Wegweiser weisen den Weg
Zu Friedhöfen
Kunsteisbahnen
Man muss sich damit abfinden

Glänzen Erpel in der Sonne

Flattern Krähen schattenhalb
Flatterndes Geflügel
Verzettelt Zettel in Zettelkästen
Flatterhaftes Wesen
Reinste Zettelwirtschaft
Plustern das Gefieder
Schlagen die Flügel
Schnattern Enten im Gänsemarsch
Zum Teich hinab
Glänzen Erpel in der Sonne
Fällt Brot von oben
Laufen Wasserläufer übers Wasser
Wie weiland der Heiland

Güterbahnhof

Geschichtsträchtige Daten
Jahrestage noch und noch
Der Stich der Wespe
Löste eine Kettenreaktion aus
Wir träumen
Gehen zwischen Schuppen
Hindurch
Sehen Gleise enden
Vergessenes Stückgut inzwischen
Güterbahnhofambiente
Herbstliches Gold
Kinderlachen
Und eben diese Wespe

Dividenden

Morgens
Rötlicher Schimmer auf Fabriken
Hügeln
Wir blicken hinüber ins Boll
Die Stelen stehen schwarz
Unklar ob jemand oben ist
Man muss genauer schauen
Wir beuten Landschaft für Gedichte aus
Trotzen dem Wetter Worte ab
Warten auf unsere Dividenden
Aus Nebel und Wasser und Holz
Wir gehen am Bach
Schnappen lauter Adjektive auf
Wollen festhalten wie etwas ist
Wir hocken am grünen Teich
Fischen nach Begründungen
Für Leben an sich

September

Im Feld verteilt sich gültig
Rauch eines Mottfeuers
Fettes Fallobst und Wespen
Unter Bäumen
In den Gärten
Ihren Gärten
Graben sie und hacken
Schneiden ab
Was zu viel ist
In der Laube steht Most
Morgens am Rebberg
Er macht alles parat
Lasse die Trauben abtrocknen
Bis am Mittag
Das Jahr werde gut
Obwohl im Mai Hagel zusetzte

Traum vom Meer

Jedesmal
Bei der Steuererklärung
Wollen sie es wissen
Ob ich Wertschriften
Edelmetalle
Kunstsammlungen
Liegenschaften
Boote
Rennpferde habe
Und ich kaue am Bleistift
Blanker Neid spricht
Aus den hohlen Formularen
Sportsfreunde
Als Ob’s euch etwas angehen würde
Und ich streiche alles durch
Träume vom Meer
Und Pattys endlos langen Beinen

Frontal

Boll/ Kraftort
Wenn man dergleichen glaubt
Zog seit jeher uns an
Oft blieben wir stehen
Den Hügel von Ferne zu sehen
Boll/ Beule im Land/ Markanter Gupf
Zittern Lindenblätter
Über dem golden geschürzten Heiland
Wie Espenlaub
Boll/ Buckel in der Landschaft
Schweift unser Blick zu Jura
Dort wo er sein sollte
Zu den Alpen
Verschluckt vom Nebel
Boll/ seit Urzeiten begangen
Aufgesucht zu stillem Gebet
Unschlüssige Andacht
Flattern Krähen im Gehölz
Lautstark
Boll/ Heiland von der Seite
Am linken Knie löst sich Farbe
Heiland frontal
Spinnweben unter der rechten Achsel
Boll/ umgeben von Landwirtschaft
Bestellt man den Acker

Sürmel

Nebel im Wald
Endlich kühler
Der mockige Kirchturm
Die Rechte geschwollen
Schmerzt
Nachdem die Biene stach
Dabei liess ich sie hinein
Nun ist sie tot
Wespen letzen sich am Pool
Grün fliesst der Fluss
Das Garderobenhäuschen
Bretterbude
Einschlägige Inschriften
Zu den Damen bohrte ein Sürmel
Ein Loch in die Planken

Gewitter 4

Man sah es kommen
Wetterleuchten ferne Blitze
Grau Wolken färbten sich schwarz
Zogen als Walze zu uns
Wirbelten letzte Raben heimzu
Griff ihnen Wind ins Gefieder
Zauste
Schrien die Vögel wild durcheinander
Dann brach es über uns los
Regen fiel herab
Füllt die Regentonne
Netzt das trockene Land
Donnergrollen

Ein Dorf

Ich erinnere mich an die Zeit
Als auf Suppenpackungen
Bastelbogen waren mit Häusern
Riegelhäuser
Bald war ein Dorf zusammen
Ein wenig zu klein alles
Weil ein Suppenpack klein ist
Darum waren die Häuschen schief
Verleimten wir tubenweise Cementit
Klebte am Schluss alles
Hausaufgaben nur halb gemacht

Ohne Titel

Spatzen putzen das Gefieder
Auf der Teppichstange
Auf dem See steht ein Kahn
Die Sonne beleuchtet ihn
Die Abdankung des Clowns
Findet im Zirkuszelt statt

Halb im Traum

Als ich den Strassenwischer
Zum ersten Mal sah
War klar
Er ist mein Lieblingsstrassenwischer
Die Art
Wie er den Besen führt
Frühmorgens
Wenn sich die Stadt
Schlaf aus den Augen reibt
Sie eilen halb im Traum
Ihren Geschäften entgegen
Streben Instituten zu
Anstalten
Zum Bahnhof gar
Wobei noch Zeit bleibt
Da ist er längst schon dran
Wischt all den Unrat
An den Rand der Fahrbahn
Wo die Maschine eingesetzt wird
Ich sehe ihn täglich
Wenn er frei hat
Spaziert er vorbei und grüsst
Jetzt aber hat er Pause
In seinem orangenen Überkleid
Sitzt er auf einer kleinen Mauer
Und isst Schmelzbrötchen

Am Start

Erster Schultag
Erste Schritte
Mutig und lachend
In die Welt der Grossen
Eintritt ins grosse Theater
Fröhlich hüpfend
Der Herr in der
Öffentlichen Bedürfnisanstalt
Wünscht freundlich
Einen schönen Tag
Nachdem er sich vor dem
Beschlagenen Spiegel
Die Haare nach hinten gekämmt hat
Die Kinder kommen heute
Nach den langen Ferien
Zum ersten Mal
Rücken ein
Auch der Mann im Abort
Hat einen ersten Schultag gehabt
Erinnert sich vage
Wie er an Mutters Hand
Über den Schulhausplatz kam
Erster Schultag
Das übermütige Geschrei
Lachen und Johlen
Auf der Startlinie
Sind noch alle gleich
Ein dünnes Läuten
Das graue Schulhaus saugt
Ganze Jahrgänge ein
Kommen später in einer Reihe zu liegen
Doch jetzt wird gejubelt
Gross ist Vorfreude auf Leben

Stufen der Demut

Ausgetreten der schwarze Stein
Ausgelegt für eine kleine Ewigkeit
Schon mancher ging darüber
Und mancher ging hinaus
Nichtig wird daneben
Was uns umtreibt
Bodenplatten der Demut

Sagen

Mängisch chöme sie
All ufs Mal
Dr füürig Ritter
Die wiss Jungfrou
Dr Wildheuer
S bös Mannli
Dr Chnächt im Holz
Woni de Ching ide
Summerferie vom Greiss
Vorgläse ha
Hei si Znacht
Nümm eleige chönne use
Und z Rügen wo d Meerjumpfere
Jede unger Wasser zieh
Wo nid ase gloubt
Dumms Züüg
Het dr Louis gmeint
Aber is Wasser isch er nümm

Der wilde Holzer

Beim Heuen bin ich
Über die Felswand
Ins Bodenlose gefallen
Im feuchten Gras ausgerutscht
Das kann es geben
Nun liege ich am Fusse der Wand
Ich höre wie sie oben rufen
Bald werden sie herkommen
Ich spüre längst nichts mehr
Vielleicht ist es die Hitze
Es kann auch etwas anderes sein
Nachrufe haben etwas Beruhigendes
Ich habe keine Ahnung
Ob ich selber
Der Manschettler bin
Gewiss ging ich im Tal um
Gewartet habe ich jeweils bis Mitternacht
Man kann alles nachlesen
Sie hätten mich nie erwischt
Man versuchte die Plakate wegzumachen
Sie kleben immer noch
Von der roten Farbe konnte niemand wissen
Schweigen wollen wir vom Oberhof
Stehen noch Grundmauern
Es ist Hitze die uns umtreibt
Ausgetrocknet der Bach
Die Säge steht seit Wochen still
Doch machten wir gute Mine
Darin waren wir unschlagbar
Als Puck sind wir übers Eis gefegt
Es ist vom Gefühl etwa das
Wie der freie Fall
Ich bin der wilde Holzer
Der nachts Holz rüsten muss
Als bös Mannli stehe ich im Weg
Wer kein Almosen gibt
Wird vertöfflet
Auch ich hätte gern
Ein warmes Plätzchen gehabt
Kein Grund zur Trauer
Irgendwo spielt ein Örgeli
Taschenspieler bin ich auch
Immer dieselben Tricks
Jetzt habe ich mich zusammengerollt
Wie eine Katze

Hundstage

Hundstage
Sagt auf dem Sofa sitzend
Frau Stumm
Hundstage und dabei kennen sie
Den Begriff gar nicht mehr
Der Stadtgraben ist trocken
Erlächnet
Den Blutmond verfolgten wir
Am Live-ticker
Müssten sonst Jahrhunderte warten
Man musste gut zirkeln
Den einzigen Regentag
Zu erwischen
Als wir auf den Grindel wollten
Aber wir schafften auch das
Für den 1. August haben sie ein
Feuerverbot erlassen
Hundstage

Der Manschettler

Kam vom Schlattli
Ins Dorf hinab
Hatte kein Gesicht
Sie erzählten manches
Von Meineid
Verschobenen Grenzsteinen
Verlorener Ehre
Man deckte für ihn stets auf
Legte ein Bratenstück zur Seite
Weisses Brot
Eine Kanne Bier
Der Manschettler war bekannt
Für seinen Höllendurst
Wehe wenn man es vergass
Dann schmiss er herum
Was zu fassen war
Was nicht niet-und nagelfest
Warf er durcheinander
Polterte im Hause herum
Schliesslich bannte ein Mönch
Den traurigen Geist

Wildheuen

In der Wildi sagen sie
Von der Station her
Geschultert Sense, Rechen und Netze
Da setzt Regen ein
Doch steht das Gadentor
Zur rechten Zeit offen
Hören wir den Singsang
Des Ürnerdialektes
Wir würden besser wieder hinab
Ein alter Bauer mit Fussballschuhen
Die Nocken geben Halt im steilen Gelände
Sein Sohn ihm aus dem Gesicht geschnitten
Trug gleiches Schuhwerk
Später
Steile Wiesen voller duftender Artenvielfalt
Glatt gedengeltes Senseblatt
Auch hier gibt es der Vater dem Sohn weiter
Gewetzt mit dem Stein zieht die Sense wie ein Öfeli
Breitbeinig steht man am Hang
Die Sense beschreibt einen Halbkreis
Man beginnt unten und arbeitet sich in die Höhe
Steine wirft man ins Bachbett
Wildheuer sind Landschaftsgärtner
Zusammenrechen müsse man nicht lernen
Meint lachend der Instruktor
Das duftende Gras wird aufs Netz gebracht
Alle Ecken werden mit einem Strick zusammengezogen
Das verschnürte Paket kommt auf den Buckel
Am Drahtseil saust der Pinggel nun
Über die Felswand hinab
An entlegenen Stellen kommt der Helikopter
Lässt die Mähmaschine übers Tal schweben
Den Knaben des Bauern gefragt
In welche Klasse er gehe
Über Schule machte er sich keine grossen Gedanken
Berufswunsch Landwirt
Ob er weiter Wildheuen wolle
Die Antwort schlägt auf wie der Pinggel am Holz
Ja sicher
Weist am Weg aufs kleine Häuschen mit Pferch
Lueg das ist ein
Sügädeli

Abend am Stausee

Ein heisser Tag wieder
Trockene Wiesen
Die Alpen im Dunst
Das ist es ja gerade
Den Güterzug hört man
Schon im Tägerfeld
Wie er abbremst
Steht am Signal
Auf dem See wankt
Ein Ponton
Unruhig ein Weidling
Jetzt rollt der Zug
Fette Fliegen kriechen
Aus dem Abfallbehälter
Der Zug hat Fahrt gewonnen
Auf dem Estrich prüfte ich
Die Kufen der Schlittschuhe
Am Boden das blaue Silberpapier
4 auf 7.5 cm
Eine Katze zeigt sich

Aufstieg

Ich kenne einen Mann
Der raucht an der Bushaltestelle
Die Zigaretten fertig
Von denen die in Eile sind
Am Strassenrand das weisse Möbel
Aufgequollen die Spanplatte
Die Schublade hängt heraus
Man nimmt davon nicht Notiz
Wie vom Mann an der Haltestelle
Er raucht und erzählt uns
Vom ersten Aufstieg ins A

Unser Haus

Dass unser Haus
Das Haus und der Park
Wo wir Kinder waren
Nunmehr Museum ist
In unserm Zimmer wird Blechspielzeug gezeigt
Dort wo Marie die Kammer hatte
Kann man in die Sterne gucken
Die Küche ist jetzt Bibliothek
Hektors Garage ist weg samt Bentley
Dort steht jetzt als Cafeteria
Ein gläserner Pavillon
Wie Schneewittchens Sarg
Wo Kinder quengeln
Eltern stumm herumschauen
Wo schlechtes Gewissen
In Kägifret und Sinalco umgetauscht wird

Gerhard Meier

Die Prognose verhiess nichts Gutes
Regen ab Olten
Die Lust auf den Scheltenpass
War uns vergangen
So lag Niederbipp am Weg
Der Berg wies eine Nebelmütze auf
Die stille Kirche
Das Grab rot bewachsen
Steinchen auf dem Grabstein
Man blickt wieder zur Fluh hinüber
Ein Güterzug mit weissen Containern
Rollt vorbei
Die Autobahn ist hörbar
Prächtige Buche unter der sie ruhen
Indem wir den Friedhof hinter uns lassen
Hört es auf zu regnen
Es bleibt bedeckt

Arizona

Zeit für ein Gedicht
Doch wie man es beginnen soll
Wie enden
Die Hitze ist gross
Staubwolken auf dem Feldweg
Wenn sich ein Fahrzeug nähert
Arizona
Denke ich
Blicke aus dem Fenster
Die Baustelle unter der Sonne
Man ist froh
Dass Brunnen fliessen
Wie es weitergehen soll
Wer kann es schon sagen
Die Saison beginnt mit dem Derby
Immerhin darauf können wir uns freuen

Nationalliga B

Es ist nicht einfach
Wenn man in Sierre
Auf den letzten Zug muss
Es ist nicht schön
Wenn man in Überzahl
Nichts Zählbares zustande bringt
Heuschrecken fallen eventuell
In Schwärmen übers Land
Bauleute leiden bei dieser Hitze
Und die Hunde
Wir versuchten uns einstweilen
Mit Lyrik davon abzulenken
Dass es im Grunde genommen
Nichts zu sagen gibt
Auf das Warum
Verschlossen die Herrschaftshäuser
Zum Abriss bereit
Schwanken Profilstangen
Wie Gräser im Wind

Robert Walser

An den meisten Orten wo
Robert Walser gewohnt hat
War ich auch
Zufall
In Bärensweil ass ich Fisch
Berlin habe ich besucht
Und 700 DM gefunden
Bis zu den Knien sank ich ein
Im Schnee
Zwischen Souboz und Bellelay
Ich schätze
Schnee wird mir bleiben

Versailles

Schloss Thunstetten
Versailles im Oberaargau
Hieronymus von Erlach erbaute es
Von dort schrieben wir
Die erste Ansichtskarte nach Hause
Es geht mir gut
Ungelenke Majuskeln
Postleitzahl und Gruss
Durften im Salon nichts anfassen
Schauten durch nasse Scheiben
Zum blauen Berg hinüber
Ausflüge in gelben Pellerinen
Wo Pfahlbauer einst hausten
Scherben im Schlamm lagen
Gletscher machten die Landschaft
Standen Urtiere im hohen Gras
Lasen mit der Taschenlampe
Comix im klammen Schlafsack
Kauten Fruchtgummi
Verklemmten es bis zum Morgengrauen
In die Dunkelheit traute sich keiner

Im Zeichen des Krebs

Diesen heissen Tag
Verbrachten wir lesend
In der kühlen Laube
Ermatteten über der Lektüre
Des Lokalblattes
Mussten über verborgener Poesie
Eingenickt sein
Schlaff wie ein Feldherr
Auf einem Feldbett
Schreckten jäh aus dem Dösen auf
Als die Schwüle sich
In einem Gewitter entlud
Blitze den Himmel teilten
Rollten später auf Holzbänken sitzend
Im Raucher auf die Konkurskurve zu
Keiner zog die museale Notbremse
Die Aschenraupe fiel auf glänzende Schuhe
Freute man sich auf den Imbiss
Im beflaggten Bahnhof
Schwartenmagen
Kalbskopf Vinaigrette
Wurstsalat garniert
Das köstliche Brot
Dazu ein kühler Becher

Modelleisenbahn

Die verstaubte Modelleisenbahn
Als Parabel fürs Leben
Dort wo die Station war
Ragen noch Drähte aus der Faserplatte
Im Grunde genommen hätte man
Von Anfang an
Dem Unterhalt der Anlage
Mehr Aufmerksamkeit schenken müssen
Nun ist es nicht mehr möglich
Unter den Tisch zu kriechen
Die Fehlstelle zu finden gleicht
Buchstäblich
Der Suche der Nadel im Heu
Jetzt ist der Zug abgefahren
Die Abstellgleise wurden demontiert
Sinnlos die Schotterimitation
Abgeknickte Tannen im Schutzwald
Massstab 1:67

Trauergemeinde

Die ganz grosse Trauergemeinde
Wie sie alle da stehen
Wie sie dastehen und warten
Wie alle schwarz angezogen sind
Wie sie dunkel gekleidet warten
Düster warten und dastehen
Ohne den Mann nebenan zu beachten
Ohne die Frau daneben zu bemerken
Mit müdem Blick und hängenden Schultern
Allenfalls noch auf ein Display schauend
Eine einzige grosse Trauergemeinde
Wie sie am Morgen auf den Zug warten
Auf die ratternden Loren der Stollenbahn
Die sie in die Knochenmühle einfährt

Sonnenblumenfelder

Hoch steht die Frucht
In der Ferne ein Kirchturm
Sonnenblumenfelder
Erinnern an Gemälde
Herbst schon bald
Unbändig die Lust
Aufs Eis zu gehen
Ein paar Runden laufen
Eishockey bald wieder
Bleibend das Bild
Auf der Schulreise
Wir Stumpen rauchend
Im Gang draussen
Während Olten kommt
Sonne taucht den Zug
In goldenes Abendlicht

Leben

Leben als riesenhaftes Gemälde verstehen
Jede Erfahrung jeder Eindruck
Eine neue Schicht
Schattierungen
Leben als monumentale Collage betrachten
Kein Fetzchen ist zu klein
Als dass es nicht zur Komposition passen würde
Aufgeklebt mit feiner Hand

Sägerei

Dort unten am Weg
Die kleine Sägerei
Längst hört man kein Schnaufen mehr
Nicht Schaben
Kein Rattern erfüllt das Tal
Fest sind Steine gefügt und das Gebälk
Solange Ziegel alles noch decken
Durch die Luke sehen wir
Den morschen Wasserkanal
Der Bach springt nun durch die Wiese
Das Wasserrad lässt sich drehen
Oberschlächtig ächzt
Riesenhafte Zahnräder greifen knarrend ineinander
Ringsum steht hoch das Gras

Es ist alles nur Show

Beim Wrestling schlägt einer
Dem andern einen Klappstuhl
Voll auf den Rücken
Später springen zwei gleichzeitig
Von der Abschrankung
Erwischen den Dritten voll
Er knallt rückwärts auf die Bretter
Aber es ist nur Show
Sie tun nur so als ob
So wie sonst alles gespielt ist
Rundherum
Vorgespieltes Leben
Gespielte Gefühle
Sie spielen Leben
Sie sagen Sätze
Die sie auswendig gelernt haben
Es ist alles nur Show

Memento mori

Verwittert grinst der Schädel
Vom Pfahl herab
Eingekerbt die Jahrzahl
Lacht uns an mit hohlen Augen
Sandsteinkörnig blickt der Totenkopf
Dem Rollen und Fahren zu
Dem Treiben und Wandel
Hat der Meister mit Stockhammer und Scharriereisen
Den Stein behauen
Die Stele gesetzt im Schweisse seines Angesichts
Legte längst ab Hammer und Schlageisen
Tauschte den Lederschurz mit Tannigem
Verwittert schaut der Totenkopf
Ins Land hinein
Man nickt ihm zu
Hinter der nächsten Kurve
Wird klar
Er ist immer da

Fronleichnam

Während in Baden alles zu
Ruhig die Gassen
Rattert in Auenstein ein Betonmischer
Nageln sie oben Dachlatten an
Vernagelt auch der Kiosk
Auf dem Böhler
Fahren ein ins aargauische Emmental
Land der Literatur
Alles vorgefunden
Hermann
Binz hat ein neues Postauto
Die Endstation wurde verlegt
Jetzt
Schilten Wendeplatz
Das Postauto stört den Unterricht nur noch am Rande
Meine Postkarten muss ich in Schlossthal einwerfen
Der Briefkasten wurde abmontiert
Sage und schreibe
Das Schulhaus selbst ist nun eine Sonderschule
Sie nicken
Friedli saust dreirädrig mit Anhänger talauswärts
Seine langen Haare flatterten im Wind
Der Engelhof lag ruhig
Ein kleiner Brunnen plätschert
Angetroffen habe ich niemanden
Abseits lagen verstreut die Höfe wie eh
Immerhin hat uns der Anblick des Transformatorentürmchens
Für den schweisstreibenden Aufstieg entschädigt
Auf der Tafel über die Gemeinde bei der Endstation
Ist von alten Zeiten und der Hammerschmitte die Rede
Früher noch mehrheitlich Landwirtschaft betrieben
Heute lebt man gut und gesund
In Natur und zahlreichen Vereinen
Können Hobbys gepflegt werden
Auch dies im Grunde genommen Literatur
Oben im Wald
Schon fast im Bernischen hinten
Ein verwittertes Steinkreuz mit Totenkopf
Dass mich nit grüssen mag
Ich nit beklag
Doch sei gedenk bei jedem Schritt
Ich komm mit

Der Alpsegen

Vom Wind zu uns herüber geweht
Ave Maria
Liessen alles liegen
Hinab die Schatthalde
Zum Bach
Soweit Segen schallt
Geschützt Mensch, Vieh und Flur
Fanden den Sennen auf kleinem Hügel
Nahe der Hütte
Sein Gebet ins Tal rufen
Es müsste einer in der Stadt
Bei Geschäften und Banken
Selbiges tun
Hörten andächtig zu
Während Sonne oben verschwand
Blaue Schatten an Hänge werfend
Barg später noch uns die Hütte
Tosend Gewitter tobte
Füllte listig der Senn uns Gläser
Und Kaffee
Loderte das Feuer
Schlief der Hund zu Füssen des Herrn

(Illustration: „Manschettler im Berg“, Zeichnung, Filzstift auf Papier
10×15

Figürliches

Ich schrieb zunächst
Dass du mich inspiriert hast
Es ist nicht wahr
Vielmehr war es
Das Plätschern des Brünnleins
An Zeit gemahnend
Das Flüstern in den Trauerweiden
An Räume erinnernd
Es war das Surren der Insekten
Leben
Die Bahnen der Mauersegler
Hoch oben am Himmel
Gewaltige Wolkentürme
Urtiere nachzubilden beliebten
Figürliches

Lokalbericht

Erdbeerfelder der Region geöffnet!
Frischer Spargel
Fischessen am 3+4 in K.
Sauberkeit, die sich lohnt
Offiz. amtliches Publikationsorgan
Kreis II
Brücke soll saniert werden
Verkehrsverordnungen
Kinderlachen erfüllte die Aula
Inserieren sie jetzt
Ristorante Capri ehem. Helvetia
Mediterrane Küche
Haus+Whg. räumt prompt
Zuverlässig, fachgerecht und günstig
Konkurskurve wird abgebrochen
Besuchen sie unsere Bibliothek
Postulat Mettler abgeschrieben

Kindergräber

Warum immer Kindergräber
Die kleinen Grabsteine
Das verwitterte Spielzeug
Zerbrochene Windrädchen
Pappnasse Teddybären
Stumme Namen
Man kann es nicht mehr sehen
Warum sind immer Kindergräber da
Sterben kleine Menschen kleiner
Ist der Tod eines Kindes kindlich
Ist es kindisch
Sich solchen Gedanken hinzugeben
Gedanken
Die sich aufdrängen
Wenn man so müssig dasitzt
Auf einer dunklen Bank
Sonne scheint durchs Blätterdach
Wind lässt Blätter tanzen
Wir haben uns geliebt

Gewitter

Ich entsinne mich
An ein gewaltiges Gewitter
Das sich über dem Freibad entlud
Ich als Knirps mit der Tante
Unter dem Vordach
Bei den Garderobekästchen
Wie danach die Sonne schien
Als wäre nichts gewesen

Bleibt

Wir suchen das Echte
Bleibende
Wer das 3:2 gegen Finnland sah
Weiss was gemeint ist
Unzählige Rosenknösplein
Kamen über Nacht
Die Literaturtage in S.
Können wir getrost auslassen
Rosmarie Pfluger 1919-2018
Im Gäu seit me
Mängi Chue vergisst
Wie si als Chalb
Gumped isch
Liebevolle Lehrerinnenschrift
Im abgegriffenen Sagenbuch
Gewidmet
Bleibt

Muttertag

Zum Muttertag
Macht man sich Gedanken
Nach 21 Jahren bleibt
Nicht viel übrig
Auf dem Friedhof
Muttertag
Wie wir heimkamen
Mit Geschenken
In der Schule gebastelt
Da freute sie sich
Nun halte ich
Das Poesiealbum in den Händen
Wünsche für ein gutes Leben
Dass man sich nie vergesse
Kindliche Treue
Wer weiss
Was aus ihnen wurde
Die es schrieben
Tintenkleckse und Fehler
Eingeklebt Kätzchen samt Korb
Rosen

Gelb

Gelb das Land nun
Und läuten Glocken
Branden weit
Fahren wir fort
Und wundern uns
Und essen Brot
Und Wein
Gehen den Weg
Allen Fleisches

(Illustration: „Rapsfeld“ Filzstift und Isolierband
auf Papier; 10×15)